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Fratelli Loscho 

In der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert sich auf der Achse Mailand–Simplon–Lausanne–Lyon–Paris ein durch Heiraten, Patenschaften etc. zusammengehaltenes Netz von oberitalienischen bzw. Tessiner Handelsfamilien. Die in Brig, am Fuss des Simplonpasses, niedergelassenen, aus Peccia im Tessiner Vallemaggia stammenden Fratelli Loscho, deren geschäftliche Transaktionen Niederschlag in einem umfangreichen kaufmännischen Quellenkorpus fanden, gehören zu diesem engmaschigen, klientelistisch organisierten Geflecht von Handelsclans, das sich v.a. auf dem Verkehrsabschnitt zwischen Intra und Vevey (als Einfallstor in die Westschweiz) ausformte. Die nördlich des Südalpenkamms erstaunlich gut assimilierte und integrierte «Diaspora» italienischsprachiger Krämer (nicht «colporteurs» oder Hausierer), Kaufleute und Spediteure hielt wie Pech und Schwefel zusammen, konnte entlang der gesamten Verkehrsachse mit eigenen, verwandten oder alliierten Augen und Ohren die Waren- und Zahlungsströme überwachen und dirigieren und sich so protektionistisch gegenseitig in die Hände arbeiten nach der Devise: «ils ont aussi besoin de gagner». Die Fratelli Loscho ihrerseits verbanden geschickt Krämertum und Kleinhandel im Nahbereich mit einem interregionalen und dem riskanten, aber einträglichen Fernhandel sowie mit Transport- und Finanzdienstleistungen. Neben dem Ledergewerbe – Kriege verschlingen ungeheure Mengen Leder – lassen sich die wendigen Kaufleute auf alles ein, was die durch die Ereignisse am Ende des Ancien Régime ausgehungerten Länder brauchen und bezahlen können: Salz, Reis, Metall, Textilien, aber auch die ganze Palette des täglichen Bedarfs wie Olivenöl, Essig, Stockfisch, Käse, Tabak, Seife und ebenso Kolonialwaren wie Schokolade, Baumwolle, Kaffee und Indigo, die bisweilen sogar den Weg von Santo Domingo respektive Louisiana, ins Wallis finden. Das überlieferte, mehrere Generationen sowie die Ausformung, den Ausbau und die Konsolidierung verschiedener, sich überschneidender Geschäftsbereiche umfassende kaufmännische Schriftgut soll auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene ergänzt und umfassend ausgewertet werden. Dabei geht es in erster Linie darum, die Unternehmensentwicklung unter Berücksichtigung der familiären und geschäftlichen Verflechtungen sowohl auf chronologischer als auch auf struktureller Ebene nachzuzeichnen, wobei die europäischen Wirtschaftskonjunkturen ebenso wie die zeitgenössischen Kriegsgeschehnisse in die Analyse einzubeziehen sind.


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