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Der historische Stockalpergarten 

von Gabriel Imboden

«Über jedem Garten liegt der Abglanz des ersten,
des Paradieses, aus dem wir vertrieben sind. ...
Er erinnert an eine Idee: die gezähmte, die gefeierte, die gerettete Natur.
An der Schnittstelle zwischen Natur und Architektur, zwischen Gewachsenem und Gebautem,
ist der Garten ein Ort des Übergangs, ein Zwischen-Raum:
gestaltetes natürliches Wachstum, organisch gewachsene Planung.»
Sibylle Heusser, Johannes Anderegg

Kaspar Stockalper vom Thurm (1609–1691) kennt man gemeinhin als Unternehmer, Bauherrn und Politiker von aussergewöhnlichem Rang; er war aber auch ein grosser Planer, der ein gewaltiges Bauprogramm ersonnen – und vieles davon realisiert – hat, das der Landschaft kühn seinen Stempel aufdrückte und deutlich den Willen zur territorialen Kontrolle entlang der Achse markierte: von Sitten über das Schlösschen Molignon in Uvrier, die ehemalige Johanniter Komturei Salgesch, den Stiftungs-Komplex St. Josef in Turtmann, die Hauptstiftung "Domus et capella trium regum" in Brig, die St. Jakobsstifung des Alten Spittels auf dem Simplon, den Turm in Simplon Dorf, die unvollendete Burg im Eingang zur Gondoschlucht, die mächtige Suste in Gondo bis hin zum Palazzo Silva in Domodossola – um nur wichtigste zu nennen. Dem Städtchen Brig gab Stockalper nach der Überschwemmungskatastrophe von 1640 ein neues Gesicht. Die Burger von Brig ernannten ihn am 7. Januar 1640, also noch vor der Verheerung, zum Stadtbaumeister und statteten ihn mit weitestreichenden Vollmachten aus. In Brig geht es ihm nicht nur um einzelne Bauwerke, um diese freilich auch, vielmehr um die präzise Anordnung von Funktionen im Raum, um Konzentration und Streuung, um Durchmischung und Sonderung. Sozialräumliche Differenzierungen etwa sind erkennbar im Komplex Kollegium – Kloster St. Ursula – Antonius-Spital, funktionsräumliche in der Ansiedlung der auf die Wasserkraft angewiesenen Gewerbebetriebe ("walky, gerwi vel ryby") bei Zenhäusern an der Wieri oder in der geplanten Errichtung der Eisenverhüttungsanlage im Grundbiel, bei der Einmündung der Saltina in den Rotten oder im Gamsuchi. Kulturräumlich fallen ganze Sakrallandschaften auf mit einem engmaschigen Kapellennetz, daneben richtet Stockalper sein Augenmerk auch auf Erholungszonen mit Spazierwegen, Lustgärten, Comedy-Haus und Schützenlaube. Schliesslich überzieht Stockalper ein grosses Gebiet der Briger Umgebung mit Maulbeerbäumen – damit die Ursulinen, gleich der Seidenraupe, nicht Laster und Müssiggang verfallen. Sehr bewusst stiftet Stockalper Beziehungen zwischen den verschiedensten Funktionsbereichen der städtischen Siedlung und der grossräumigen Landschaft, auch in der Landwirtschaft oder in den Nutzungen der Räume entlang der Achse.

Ohne Zweifel dachte Stockalper stets in grossen Bezügen. Aber er wies Baumeister und Künstler auch erstaunlich detailliert an, seine Pläne im Kleinen genau so auszuführen, wie er sie entworfen oder gar selbst gezeichnet hatte: «uti delineasti», schreibt er an einem Ort. Gewiss gehört das «geistige Eigentum» am Stockalperschen Bauprogramm mehr dem Bauherrn als seinen Architekten und Baumeistern. Die Kompetenz dazu hat er sich nicht nur auf den vielen Reisen und in den vielfältig erwiesenen intensiven Kontakten mit den Fachleuten erworben, sondern auch theoretisch aus der Fachliteratur. So standen mindestens sieben Bände von Joseph Furtenbachs Architectura, der verbreitetsten Sachbücher der Zeit, in Stockalpers Bibliothek. Der Ulmer Architekt und Architekturschriftsteller Joseph Furtenbach d. Ä. (1591–1667) hatte sich auf seiner Italienreise, die er eigentlich zur Erlernung des Kaufmannsberufes unternommen hat, umfassende architektonische Kenntnisse angeeignet und sein Wissen kompiliert in idealtypischen Darstellungen, recht eigentlichen Bauanleitungen. Als erster deutscher Autor mass er der Gartenkunst eine gleichwertige Bedeutung bei wie der Architektur des Herrschaftshauses selbst; gerade im Verbund des Hauses mit dem Garten entsteht die Differenzierung in der räumlichen Disposition einerseits und die Distanzierung gegenüber der näheren Umgebung anderseits, die sich besonders auch mit Herrschaftssymbolen architektur-sprachlich äussert. Furtenbachs «Architectura recreationis» befasst sich ausschliesslich mit Gartengestaltung – stets im Bezug zum Haus; Haus und Gärten sind allerdings bei Furtenbach festungsartig aus der Umgebung ausgeschnitten, wie es dem Idealtypus entspricht, nicht Teil einer realen Landschaft.

So ist es wenig verwunderlich, dass Kaspar Stockalper selbst in vielen Anläufen um die Gestaltung das Schlosskomplexes mit seinem Garten – und abweichend von Furtenbach – im Kontext des Städtchens Brig gerungen hat.

 

Gartenplanung Kaspar Stockalpers
Als Grundlage für die Neugestaltung des Schlossgartens hat die Kunsthistorikerin Patricia Bielander im Auftrag der Schweizerischen Stiftung für das Stockalperschloss in einer historischen Analyse sorgsam alle Quellen zusammengetragen und ausgewertet. Alle Planungen zum Garten gingen von den Ergebnissen dieser Studie aus, und von dieser Arbeit zehrt auch die folgende Darstellung der Geschichte des Schlossgartens.
Mit der Substanz eines historisch bedeutsamen Ortes kann man nicht beliebig umspringen. Vielmehr verlangt die ICOMOS in der Charta von Florenz zwingend die genaue Rekonstruktion der Geschichte eines Ortes für eine korrekte Restauration am historischen Monument. Sehr klar anerkennt die Charta den historischen, künstlerischen und urbanistischen Wert des Gartens, und verleiht diesem mithin den Rang des denkmalgeschützten Bauwerkes.
Wir wissen nicht wie der Schlossgarten im 17. Jahrhundert genau ausgesehen hat, zumal der grosse Palast mit Sicherheit noch nicht vollendet war, als der zu mächtig gewordene Erbauer von der Landschaft gestürzt wurde (1678f). Zudem spricht der grosse Stockalper in seinen vielen Aufzeichnungen stets von Planungen, nicht von konkreter Ausführung, und bildliche Darstellungen gibt es keine. Hingegen kennen wir sehr präzis die Strukturen, die er der ursprünglich viel grösseren Gartenlandschaft (einige 10'000 m2; heute sind es immer noch 12'974 m2) verpasst hat.

Zunächst setzt Stockalper das Schloss treppenartig auf den ansteigenden Hügel und den Garten davor passt er genau zwischen die Gänge zur Saltinaweri ein, wie sie der Merian-Stich von 1653 zeigt. Derart behalten Schloss und Garten schon im Grundriss den Bezug zur gewachsenen Siedlung entlang der an der Hügelflanke schlängelnden "Via Regia", der alten Simplonstrasse; und im Westen gewinnt die Schlossanlage mit der (neuen) Saltinaweri eine wuchtige Geschlossenheit. Die Raumaufteilung des Merian-Stiches ergibt folgerichtig eine Dreiteilung des Gartens.

Im ersten Rechteck vor dem alten Stockalperschlösschen im väterlichen Garten, also vor dem heutigen Schlosskeller (1), errichtet Stockalper einen ausgedehnten Wirtschaftsteil mit Stall und Misthof, Taubenhaus, Fischteichen und einer neuen Mühle, nutzend die Wasserkraft des Wuhrs, der das Gartenareal offen quert. Vor die Hauptfront des neuen Schlosses (noch nicht eingezeichnet)(2) setzt Stockalper das Parterre oder das Viridarium, wie er den Lustgarten auch nennt, deutlich abgesetzt vom Pomarium (Baumgarten) und dem Wirtschaftsteil. Das dritte östliche Kompartiment bildet den Baumgarten (3), in den auch der Kellerkomplex unterhalb des Marienheims integriert ist.

 

Viridarium
Von der Bepflanzung des Viridariums wissen wir nichts, dürften aber mit der Vorstellung eines Barockgartens nach französischen Vorbildern kaum fehl gehen. Ausdrücklich hält Stockalper fest: "Plateas et hortos fac elegantes." (Plätze und Gärten mach' elegant), und die für das Viridarium nachgewiesenen Zierelemente würden gewiss nicht in einen Gemüsegarten passen. In einer Aufzeichnung von 1678 vermerkt Stockalper: "allein in der mitte im garten kanst mit den Sanct Maurizer seÿlen wie ein castell lassen, ongefar 1 klafter breit, 1/2 gegen mittag, wie ein balustraden machen, carre wie ein anders zu oberst im garten." In der Mitte des Parterres, beidseitig eingemittet heisst das auf dem Wuhr, will Stockalper mit Säulen aus Marmor/Tuff von St-Maurice eine Art Pavillon errichten; ein solches bauliches Element besteht korrespondierend bereits "zu oberst", mithin vor der Westfassade des Schlosses. Vielleicht kam in diesen Pavillon "ein schön messing bildt von gegossnem metall oder schpritzwerkh auf einen bronn von 6 wesser" zu stehen, das Johann Andreas Schaidlin von Augsburg 1655 dem Dr. Georg Christoph Manhaft für Stockalper vermittelte. Diese Disposition ergibt eine klare Axialität auf den Erker, geschnitten von der Querachse des Wuhrs. Mit den beiden Bauelementen (vielleicht einem dritten?) ergibt sich die Feldereinteilung von selbst.

Das Viridarium fasst Stockalper von allen Seiten. Er zieht einen Laubengang von der Nordwestecke des Schlosses über das Taubenhaus (etwa heutiges Zuber-Haus) an die Weri, errichtet dort ein Türmchen auf der Mauer, führt den Spazierweg der Weri entlang in den Spickel zum heutigen Schlosshotel, wo er die Zinne ebenfalls mit einem Türmchen krönt. Die südliche Gartenmauer durchbricht Stockalper mit einem Doppeltor und schafft damit eine Verbindung vom Hof zur Kirchgasse.

Schlossgarten auf dem Retabel des Gliser Hochaltars an der Wende zum 18. Jh.

Der Stockalpergarten im 19. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert erfahren wir sehr wenig zum Schlossgarten. Um so erstaunlicher ist es, dass die Strukturen, die Kaspar Stockalper gelegt hat, auf den ersten bildlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts sehr getreu aufscheinen, was immerhin auch Schlüsse zulässt. Die erste Vollansicht der Gartenlandschaft gibt Lorenz Justin Ritz in einer Lithographie von 1829.

Am linken Bildrand ist der Wirtschaftsteil nur angedeutet. Zwei Fontänebrunnen ziehen die Achse zum Erker, der Wuhr schneidet den Garten quer und weist, seitlich versetzt von der Mittelachse, an seinem Lauf zwei teichartig gefasste Brunnen auf. Vom Parterre, der Brevierpiste der Patres, ist das Pomarium, das als Spielwiese dient, markant abgetrennt, der Treppenaufgang vom Parterre zum Hofausgang hingegen nicht ausgestaltet. Spaliere und unbestimmbare Buschreihen säumen den Parterre-Umgang. Deutlich erkennbar ist die Einteilung des Paterres in zweimal vier Felder. Diese "8 Garee" tauchen auch in einem "Verzeichnis der Bäumen, welche der Gärtner im Garten und Baumgarten des grossen Stockalperhauses gepflanzet, samt deren Zahl, Beschaffenheit und Schatzung, auch der Anzahl der alten Bäume" von ca. 1850 auf. Viel eleganter und klarer gegliedert als in der Lithographie von Ritz, diese aber bestätigend, präsentiert sich der Schlossgarten auf der Aquatinta von Johann Baptist Isenring, aufgenommen um 1832/35.

Leider gibt es keine Quellen, die überprüfen liessen, ob und wie stark Isenring das Parterre zeichnerisch überhöht hat. Drei in Rondellen gefasste Brunnen, der mittlere auf dem Wuhr ohne Springstrahl, betonen die Achse auf den Erker, und das Parterre mit den acht Feldern wird streng gefasst. Zum ersten Mal erscheint auf dieser Darstellung die sockelartige Stufung des Treppenaufgangs zu Hofeingang. Eine Reihe niederer Bäumchen (oder Topfpflanzen?) bildet vor der Schlossfront eine optische Zäsur. Zum Wirtschaftsteil hin ist das Parterre wohl deutlich abgesetzt, scheint aber noch offen (bei Ritz schwer deutbar). Das Pomarium bildet nicht nur durch die breite Trennrabatte einen spannungsvollen Gegensatz zum Parterre, vielmehr noch durch die vertikale Differenzierung der Vegetation, die den Hügelanstieg sanft moduliert. Bei Isenring sind feste Spieleinrichtungen im Pomarium integriert.

 

Der Schlossgarten im 20. Jahrhundert

Auf dem Plan des Bürgerhauses von 1915 ist das Gartenparterre nur mehr bis zum Wuhr ausgezogen, also auf die Hälfte geschrumpft. Lediglich ein Brunnenelement in der Mitte der verbleibenden Hälfte verweist auf die ursprüngliche Anlage. Indes nimmt der Plan erstmals das Trockenmauerwerk im Pomarium genau auf, zeigt auch noch die Zugänge aus Süd-West vom Schlosshotel her und lässt noch die Überreste des Wirtschaftsteils beim Sennereiplatz erahnen. Der Verfall des ursprünglichen Prachtgartens und des Schlosses zugleich war nicht mehr aufzuhalten, überstieg die Kräfte der Familie, die eine Anlage dieser Grösse immerhin fast 300 Jahre hatte halten können.

Am denkwürdigen Urnengang vom 29./30. Mai 1948 stimmten die Männer von Brig in geheimer Abstimmung dem Kauf des Schlosses und des Gartens zu. Das Pomarium war stark überwachsen und der Ziergarten verschwunden wie Fotos belegen. In der Nordwestecke wurde eine Gärtnerei betrieben und 1954 war der Garten als Campingplatz missbraucht worden. Mathilde von Stockalper wandte sich am 5. Oktober 1954 an Bundesrat Philipp Etter: "Damit ist schon der erste Einbruch in die Schönheit und Stille des vor vielen Jahren unter Denkmalschutz gestellten Schlosses erfolgt. Nun drängt die Jugend von Brig, die leider nicht genügend traditionsbewusst ist, immer mehr auf die Errichtung eines Sportplatzes im Garten. Im Auftrag meines Vaters, Joseph von Stockalper, und der Familie gestatte ich mir die Bitte, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die zuständigen Behörden dahin beeinflussen zu wollen, dass der Schlossgarten seiner ursprünglichen Bestimmung nicht entzogen wird." Bundesrat Etter machte sich bei den Stadtvätern stark dafür, dass sie den Campingplatz aus der Anlage verweisen und das von Privaten bereits geplante Sportplatzprojekt aufgeben sollten. Aber noch 1957 musste die Schweizerische Stiftung für das Stockalperschloss gegen Campingplatz und Sportarena intervenieren und noch 1961 stand am Nordostrand des Parkes der Campingkiosk.

1955 bis 1961 wurde das Stockalperschloss von der Stiftung vollständig restauriert. Den Bauschutt warf man auf das Parterre und vor die Kellergewölbe. Restaurationsarchitekt Peter Lanzrein begann 1959 mit der Planung einer einfachen Herrichtung des Schlossparks, welche sich an Formen des 17. Jahrhunderts anlehnt. Eine korrekte Rekonstruktion der Geschichte des Ortes hielt man nicht für nötig. Der Verwaltungsrat der Stiftung protokollierte am 10. März 1960: "Es wird auf eine möglichst einfache Anlage geachtet, welche immerhin vor der Westfront Andeutungen des französischen 'formal garden' aufweist. Die Obstbäume und drei Gruppen Weidenbäume bleiben erhalten. Gegen den Parkplatz hin werden 14 Pappeln ... vorgesehen ... Der Bach kommt in einen verdeckten Kanal ... Die Wege werden mit Bauschutt aus dem Hauptbau fundiert. Später soll ein Bitumen Hartbelag angebracht werden, aber erst, wenn der Unterbau sich gesetzt hat."

Dazu ist es bekanntlich nie gekommen, und auch auf den von der Eidgenossenschaft bereits bewilligten Rebberg von 500 Stöcken verzichtete man schliesslich. 1967 bewilligte der Verwaltungsrat der Stiftung die Errichtung des Kinderspielplatzes in südwestlichen Zipfel; der Brunnenteich vor der Schlossfront, der ein Schwanenpaar beherbergte, wurde zugedeckt. Aus diesem Zustand ist der Schlosspark seither mehr und mehr verfallen.

 

Neugestaltung des Schlossgartens
Auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtgemeinde Brig-Glis nahm die Schweizerische Stiftung für das Stockalperschloss 1996 die Neugestaltung an die Hand und liess die Grundlagen für die Planung erarbeiten: die historische Analyse von Patricia Bielander, ein Nutzungskonzept und als Synthese die Planungsvorgaben der Expertenkommission. Damit stattete sie vier international anerkannte Landschafts- und Gartenarchitekten aus und beauftragte sie mit einem Studienauftrag. Alle vier (Frau Jane S. Bihr-de Salis, Kallern; Michel Desvigne, Versailles; Prof. Dr. Dieter Kienast, Zürich; Weber & Saurer, Solothurn) reichten im Mai 1997 ihre Projekte ein.
Frau Jane S. Bihr-de Salis:

Michel Desvigne:

Weber & Saurer:

Aus den eingegangenen Arbeiten wählte die Jury unter dem Vorsitz des damaligen Stadtarchitekten Hans Ritz einstimmig das Projekt von Kienast Vogt und Partner, Landschaftsarchitekten Zürich und Bern, und alle nachfolgenden Beratungs- und Entscheidungsgremien schlossen sich einstimmig dem Vorschlag der Jury an.

Der Expertenbericht – hier zusammengefasst – würdigt das Projekt Kienast Vogt und Partner im wesentlichen so: Der Entwurf besticht durch seine Klarheit und präzise Einfachheit als Antwort auf den ortstypischen Charakter. Der Garten ist in das Parterre (Viridarium) und den Park (Pomarium) gegliedert. Der Wirtschaftsteil wird durch ein neues Gebäude angedeutet. Die weiten Flächen belassen der Anlage Grosszügigkeit. Mit der spannungsvollen Baumbepflanzung bindet das Projekt die verschiedenartigen Teilflächen räumlich zusammen. Die wenigen, am richtigen Ort eingesetzten Details sind intensiv durchgestaltet und erhöhen den Gartencharakter.

 

Viridarium
Die Grundeinteilung ist von der ältesten bekannten Ansicht von 1829 abgeleitet, rekonstruiert aber nicht. Die Längsachse geht vom Schlosserker aus und endet an der Schlossmauer in der grosszügigen Querachse der Pappelreihe und über der Einfassungsmauer an der Simplonstrasse in einer Kastanienallee. Die Querachsen gliedern das Parterre in acht Rasenflächen, die mit niederen Hecken aus verschiedenartigen Buchspflanzen ein neuartiges, wechselvolles Spiel ergeben. Damit wird das dem Schloss vorgelagerte Parterre kraftvoll und ausdrucksstark in Szene gesetzt. In der mittleren Wegachse fliesst, leicht abgesenkt, der Wuhr. Die beiden seitlichen Becken, an Stelle der ehemaligen Fontänebecken, werden als ruhige Spiegel auf die Kiesfläche gelegt. Damit werden gartenarchäologische Spuren erhalten. Eine Eibenhecke bildet eine klare optische, physisch aber durchlässige Zäsur zum Pomarium hin. Die Grösse des Vorplatzes vor dem Schloss und der unmittelbare Beginn des Heckenparterres sind ausgewogen.

 

Der Wirtschaftsteil
Mit dem vielfältig nutzbaren Wirtschaftsgebäude unter einer Rosenpergola, die einen laubenartigen Zugang von der Südwestecke schafft, wird das Parterre gefasst und gewinnt an Distanz zu den dahinterliegenden Gebäuden, die durch den homogenen Baukörper sockelartig zusammengefasst werden. Die Verwendung von Holz führt die Tradition von Gartenschuppen weiter – insbesondere bei sich grau einstellender Patina von Lärche und Eiche. Der Eingang ist vorzüglich gelöst, zumal die Eibenhecke Strassenraum und Garageneinfahrt gut von der Anlage trennen.

 

Das Pomarium
Von bestechender Präzision ist der neue Vorplatz vor dem Hofausgang, der an Stelle der alten Tanne eine Linde als Symbol des Versammlungsortes setzt.
Der Obstgarten mit dem offengelegten, leicht eingesenkten Wuhrbach wird in seiner bescheidenen Ausstattung als richtig empfunden. Die kluge Wahl der Bäume nach Sorten und Anzahl soll den Blick auf das Schloss offenhalten und die Magerwiese nicht zu sehr verschatten. Der neue südöstliche Zugang ist spannend und der Park gewinnt zum Schlosshotel die nötige Distanz. Die Mauer mit dem Quellbecken des Wuhrs bildet einen würdigen Abschluss des Parks.
Von Bäumen freigehalten ist die Wiesenböschung, die einen schönen Übergang zum Rebhang und eine spannende Sichtachse zum Schloss schafft. Dadurch wird die natürliche Topographie gut zur Geltung gebracht. In Grösse und Position ist der Rebhang gut gesetzt und richtig begrenzt von Weg und Platz.

Über den Kellergewölben setzt ein Rosengarten einen kleingliedrigen Gegenpunkt zu den weiten Flächen und passt zu den ländlichen Vegetationsthemen des Parks.
Die Charta von Florenz spricht von einer "réhabilitation d'un jardin" als Ziel jeden gestalterischen Eingriffs. Die Wiederherstellung der verlorenen Ehre – so ist réhabilitation zu übersetzen – des Stockalpergartens gelingt dem Projekt Kienast Vogt und Partner in hervorragender Weise und zwar ohne die hergebrachten Nutzungen des Gartens zu beeinträchtigen.


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