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Im Reich der Sinne: Der Rosen-Duft-Garten im Schlosspark 

Anita Mani
Der Besucher des Stockalpergartens, der mehr möchte, als sich im Parterre auf den angenehmen Bänken vom hektischen Tagesgeschehen zu erholen, wird sich in die höheren Gefilde des Gartens begeben: ins Reich der Sinne. Vorbei am Rebberg mit den Oberwalliser Weinspezialitäten, die alljährlich mit einigen Hundert Flaschen auf den Markt kommen.

An höchster Stelle des Gartens, gleich nach den Reben, kann sich der Besucher regenerieren und auftanken in einem Duftparadies besonderer Art.

Die Lage des Rosengartens wurde optimal gewählt für den Duft: umschlossen von den Schlosstürmen und den Mauern zur Burgschaft erfreuen in 6 Rabatten rund 450 Rosenstöcke in 30 Sorten herrlicher Duftrosen Herz und Sinne des Besuchers. Vor allem Englische Rosen, aber auch Alte Rosen, Hochstammrosen und Kletterrosen.

 

Rosen und Reben gehören zusammen
Beide haben dieselben Wachstumsbedingungen, beide sind Tiefwurzler und kommen deshalb – einmal eingewachsen – bestens mit dem trockenen Walliser Klima zurecht. Beide lieben viel Sonne und gut belüftete Lagen.

Das Duftvokabular des Weinkenners und das des Rosenliebhabers ähnelt sich auffallend. Der Rosenfreund berauscht sich an dunkelroten Rosen, welche seiner Meinung nach "köstlichen Burgunderduft" ausströmen. Der Weinkenner schwärmt von seinen edlen Tropfen in Prädikaten wie "duftig, blumig, wie ein Rosengarten". Das Wallis ist prädestiniert für Rosen. Warum nur pflanzen Walliser Weinbauern nicht mehr Rosen zu ihren Reben?


Der Duft ist die Seele der Rose
Düfte stellen eine Verbindung zu unserem Innersten, zu unseren Gefühlen her. Rosendüfte rufen alles wach, was wir je in unserer Kindheit und Jugend an persönlichen Erinnerungen mit Rosen erlebt haben. Düfte natürlichen Ursprungs, muss man präzisieren, denn synthetische Duftkompositionen haben kaum Wirkung auf unser Gefühlsleben.


Die Renaissance der Rosenzucht
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Europa nur einmalblühende Rosen in weiss, rosa und rot. Gelb war unbekannt. Dann wurden aus China Rosen eingeführt, welche mit ihren dünnen Trieben und spärlichem Laub kaum für Aufregung sorgten, aber eine unschätzbare neue Eigenschaft mitbrachten: zu remontieren; sie hatten also die Fähigkeit, mehrmals während des Sommers zu blühen und brachten ausserdem die Farbe Gelb. Die Rosenzüchtung in grossem Stil begann.

Nach Tausenden von Züchtungen – schätzungsweise 40'000 in 150 Jahren – sah sich der Rosenfreund um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts vor die Wahl gestellt, entweder den Alten Rosen – meist köstlich duftend, aber mit sehr beschränktem Farbspektrum und oft nur einmalblühend – den Vorzug zu geben, oder den Modernen Beetrosen, öfterblühend, aber vielfach duft- und seelenlos.
Von den Alten Rosen des 19 Jahrhunderts sind im Rosengarten zu finden:

"Boule de Neige" (Lacharme, 1867, Frankreich), rahmweisse Pomponblüten mit starkem Duft; "Rose de Rescht", kirschrote Rosetten mit herb-süssem Duft (anscheinend im 19.Jh. aus Persien eingeführt); "Little White Pet", (Rosa chinensis 1879), entzückende Blütenbüschel in cremeweiss; "Gruss an Aachen" (F. Geduldig, 1909, Deutschland) porzellanrosa, von mädchenhafter Lieblichkeit.

In den 70er Jahren drohte die Rosenzucht völlig zu entgleisen. Die Rosen hatten nicht mehr Blüten mit Charme, sondern riesige "Chabisköpfe" in schreienden Farben. Sie wurden in Massenpflanzungen missbraucht.
Einer der sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden konnte, war David Austin in England. Weder Gärtner noch Wissenschaftler, sondern Landwirt, begann er mit der Züchtung einer neuen Klasse von Rosen durch Kreuzung Alter Rosen des 18. und 19. Jahrhunderts (Gallica-, Damascener-. Bourbon-, Portland- und Chinarosen) mit Modernen Beetrosen (Teehybriden und Floribunda).

Träume in Duft und Farbe
"Englische Rosen" nannte Austin, der inzwischen die Landwirtschaft aufgegeben hatte und sich auf die Rosenzucht konzentrierte, seine Ergebnisse. Was David Austin mit diesen Englischen Rosen fertigbrachte, ist schlicht überwältigend und berauschend: Die besondere Blütenform fällt zuerst auf: flache, rosettenförmige Blüten voller Anmut mit Blütenblättern, die wie gefältelte Seide wirken. Die Englischen Rosen scheinen bei Blumen-Brueghel aus einem Gemälde gepflückt! Intensivste Rosendüfte; jede Sorte duftet anders – von lieblich, würzig, fruchtig, betörend bis hin zu harzigen Myrrhedüften. Und die Farben! Nie zuvor bei Rosen gesehene Apricot-, Pfirsich- und weiche Muschelrosa-Tönungen mit Schattierungen. "Evelyn" und "Sharifa Asma" sind typische Vertreterinnen dieser Farbgebung im Rosengarten.

Bei den weissen Englischen Rosen können wir uns an "Glamis Castle" und "Francine Austin" begeistern; die Farbe ist kein kaltes Kalkweiss, sondern ein cremiges Weiss mit Tiefe. "Glamis Castle" hat diesen besonderen Myrrhe-Duft. Im schottischen Schloss Glamis Castle verbrachte die kürzlich verstorbene Queen-Mother ihre Kindheit und Prinzessin Margaret wurde dort geboren.

Dunkelrote Rosen gelten als besonders schwer zu züchten. Von Austin glänzen im Rosengarten in zauberhaftem Karmesinrot "The Squire" und "L.D.Braithwaite", in königlichem Purpur "The Prince", ein Erbteil seiner Gallica-Abstammung. Seit mindestens 150 Jahren gab es in der Rosenzucht nicht mehr solch unvergleichliche Purpurfarbe! Austin versöhnte den Rosenliebhaber auch wieder mit der schwierigen Farbe Gelb. In einer gemischten Rabatte mit Modernen Rosen war Gelb kaum mehr zu gebrauchen, zu grell, schrill, einfach ein Misston. Das Gelb von Austins Englischen Rosen erinnert an hellen Bernstein, ist weich und teamfähig. "English Garden", "Happy Child" und "Molineux" bestätigen diese Behauptung.

David Austin Roses hat bis jetzt über 100 Englische Rosen herausgegeben, etwa 70 davon sind bei Schweizer Rosenkultivateuren erhältlich. Wer einmal dem Charme der Englischen Rosen erlegen ist, wird Moderne Beetrosen nicht mehr in gleicher Weise ins Herz schliessen können. Bei Modernen Rosen musste sich der Rosengärtner keine Gedanken machen, welche Sorte er gerade unter der Schere hatte. Durch die Verschiedenartigkeit ihrer Abstammung ist dem Habitus der Englischen Rosen mehr Rechnung zu tragen, sollen sie ihre perfekte Form und ihren Blütenreichtum behalten.

Austin selbst unterscheidet 4 verschiedenen Schnitt-Techniken für seine Englischen Rosen: aufrecht, buschig, breitwüchsig und überhängend, je nach Abstammung.
Die Rosengärtner des Stockalpergartens werden mit Fingerspitzengefühl und gärtnerischem Können dieser Individualität der Englischen Rosen gerecht.
Die englische Dichterin und Rosengärtnerin Vita Sackville-West, welche Sissinghurst, den meistbesuchten Garten Englands schuf, meinte:"Wir sollten Rosen begegnen wie unseren Freunden, deren Vorzüge lieben und eventuelle Fehler übersehen."


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